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Geschichtsskizze der AKV Neu-Romania

Der schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbindungsreiche Universitätsstandort Freiburg im Üechtland erfuhr 1938 mit der Spaltung der altehrwürdigen Akademischen Kommentverbindung Alemannia in eine «Alemannia» und eine «Neu-Romania» zweifelsohne eine StVerische Aufwertung. Das nunmehr siebzigjährige stolze Korps der Neu-Romania blüht heute noch immer wie in seinen Anfängen.

Genealogische Klärung

Die Genealogie der Neu-Romania ist überraschend. Als Urverbindung steht nämlich die «Romania», welche sich 1895 in die «Sarinia» und die «Alemannia» auftrennte. Beiden Neugründungen war Erfolg beschieden: Die Sarinia entwickelte sich vorwiegend zur Verbindungs-Heimat der Französisch sprechenden Studenten (und Studentinnen); die Alemannia zog – nomen est omen – vorab junge Männer aus deutschsprachigen Gebieten an. Teil des Erfolgs der Alemannia war nicht zuletzt ihre Standhaftigkeit bezüglich der grossen Reformdiskussion zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Als an der Generalversammlung des Schw. StVs in Zug 1916 ein umfassendes Reformprogramm zur Umsetzung anempfohlen wurde, verblieb die Alemannia bei den alten Bräuchen und Sitten, insbesondere was die Handhabung des Komments sowie die äusseren Formen des Verbindungslebens anbelangte. Allerdings gründete eine reformwillige Anzahl Alemannen darauf im Sinne einer «qualitativen», das heisst in unterschiedlichen Auffassungen begründeten Abspaltung die «Fryburgia».

Das Gründungsjahr 1938
Anders als die Gründung der Fryburgia lag die Saat für die Geburtsstunde der Neu-Romania ausschliesslich im damaligen Erfolg der Alemannia. Schon Ende der 1920er-Jahre diskutierte man innerhalb der Alemannia eine mögliche Aufteilung der Verbindung. Sie war bereits zwanzig Jahre nach der Lostrennung der Fryburgia so mitgliederstark geworden, dass sich im täglichen Verbindungsleben (Stammbetrieb, Kommerse, Konvente) Probleme ergaben. Verschärft wurde das Ganze durch die Einführung des zweiten medizinischen Propädeutikums, das noch mehr (Medizin-)Studenten nach Freiburg führte. Die Verbindung wurde in der damaligen Grössenordnung nahezu «unführbar». Vom Frühjahr 1936 an diskutierte man die Trennungsfrage konkret. Es galt einen (nicht unumstrittenen) Grundsatzentscheid über die Teilung der Verbindung sowie über die allfälligen Trennungsmodalitäten zu fällen. Ein spezielles Trennungsstatut legte das Verfahren der Abspaltung exakt fest. Hauptsächlich die Zuteilung der Aktiven zur einen oder zur anderen Verbindung unterlag einem ausgeklügelten Prozedere. Weitere Herausforderungen waren der Name der neu entstehenden Verbindung sowie die Wahl der Studentenmütze. In Anlehnung an die «Urverbindung» Romania aus dem 19. Jahrhundert und aus Sympathie zur bilingualen Stadt Freiburg wählte man den Namen «Neu-Romania». Neue Kopfbedeckung wurde der so genannte «Stürmer» – eine eigenwillige, charakteristische und traditionelle Hutform, welche die Neu-Romanen bis heute mit Stolz tragen.
Am 26. Juli 1938 wurde die Trennung formell vollzogen. Es entstand eine von allem Anfang an prosperierende Verbindung, die sich den Werten des Schw. StVs, den althergebrachten studentischen Formen und einem aktiven Kommentleben voll und ganz verschrieb.
Am 11. November 1938 fand unter grosser Beteiligung von Gästen aus dem Professorenkollegium, des Zentralkomitees, der Alemannia und übriger geladener Verbindungen der Gründungskommers statt. Ein adäquates Stammlokal für die täglichen Zusammenkünfte wurde im «Continental» gefunden. Bereits kurz nach dem Beginn des Wintersemesters 1938/39 – des ersten Neu-Romanen-Semesters – sowie einigen Wochen lebhaftem Stammbetrieb zeigte sich, dass sich die junge Neu-Romania schnell von der Alemannia emanzipierte. Blieb man auch weiterhin freundschaftlich verbunden, so entwickelte sich die neue Verbindung schnell zu einer überaus eigenständigen und selbstbewussten Gemeinschaft von Couleurstudenten. Einer langen Geburt folgte deshalb eine zügige Jugendzeit; schon nach wenigen Semestern stand die Neu-Romania in voller Blüte.



Weltpolitisch belastete Anfangsjahre
Das politische Umfeld der Gründungs- und Anfangsjahre der Neu-Romania war alles andere als einfach. Konnte Ende Mai 1939 noch freudvoll die Weihe der Verbindungsfahne vorgenommen werden, so mussten vier Monate später bereits etliche Neu-Romanen ihren Stürmer mit dem Stahlhelm tauschen. Der Kriegsbeginn dünnte bisweilen auch das Verbindungs- und Stammleben aus; «Aktivdienst» war das Gebot der Stunde. Als betont «schweizerisch-vaterländische» Verbindung stellte sich die Neu-Romania immer wieder gegen «nördliche» Einflüsse in Politik und Gesellschaft. Es waren aber alle totalitären Ideologien – Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus – den durchwegs demokratisch und föderalistisch gesinnten Verbindungsmitgliedern ein Graus. Gegen profaschistische Professoren der Universität ging man sogar auf die Strasse und verlangte vom Freiburger Staatsrat ihre Absetzung. Alles, was der Heimat, der Schweiz, schaden sollte, wurde angeprangert und bekämpft. Hierin offenbarte sich auch ein erstes Mal der Kern der Verbindungslosung «Einig und Frei!». Ihren Tatbeweis erbrachten viele Neu-Romanen nicht zuletzt im Militärdienst, in welchem sie als Soldaten, Unteroffiziere und oft auch Offiziere ihre Pflicht erfüllten.
Die turbulenten Kriegsjahre zeitigten gleichwohl auch eine gewisse Stagnation in der Entwicklung der Verbindung. Die militärdienstlich bedingten Abwesenheiten ihrer Mitglieder beeinträchtigten die Kontinuität. Und trotzdem hat die Verbindung die schwierigen Jahre bis 1945 recht gut überstanden. Das volle Stammbuch mag hierfür als Beleg dienen. Noch im letzten Kriegsjahr blühte das Verbindungsleben wieder voll auf. Dass man sich in den vergangenen Jahren mit Händen und Füssen massiv gegen einen reduzierten Betrieb gewehrt hatte, zahlte sich nun aus.

Einig und Frei ins achte Jahrzehnt
Nach zehn (1948), fünfundzwanzig (1963) und fünfzig Jahren (1988) feierten die Neu-Romanen jeweils fulminant ihre Verbindungsjubiläen. Diese waren äusseres Zeichen des Erfolgs, der Beständigkeit und der Lebhaftigkeit der Neu-Romania. Stets war die Verbindung in den letzten Jahrzehnten in bester Verfassung, auch wenn sie – das liegt in der Natur der Sache – von den gesellschaftlichen Strömungen nie gänzlich unberührt blieb. Selbst der vermeintliche «studentische Aufbruch» linker Agitatoren von 1968 und der Folgejahre, der die katholische Universität Freiburg im Üechtland weit weniger erfasste als andere schweizerische und europäische Universitäten, hinterliess – wenn überhaupt – marginale Spuren. Doch Konstanten wie unbedingte Statutentreue, tägliche Stammpflicht, konsequent angewandter Komment, hierarchische Organisation, Einhaltung der formellen Leitplanken und eine geistige Basis, die sich eng an die christlichen Grundwerte und an die demokratische Bürgerpflicht anlehnte, waren und sind das Lebenselixier der Verbindung. Die jährlichen Höhepunkte der Verbindung wie der «Wildfrass» im November, die Couleurbälle, Junifahrten oder das alle drei Jahre stattfindende Verbindungswochenende im trientinischen Pergine schweissen die Mitglieder aller Generationen, akademischer Hintergründe und Landesteile zusammen.

Officium delectat…
Der Fokus des couleurstudentischen Lebens konzentriert sich jedoch nicht nur auf die eigene Verbindung. Seit allem Anfang an stellt die Neu-Romania kompetente Persönlichkeiten auch für den Gesamtverein, den Schweizerischen Studentenverein, zur Verfügung. Dutzende von Neu-Romanen präsidierten den Zentralverein oder engagierten sich im Zentralkomitee. Die Übernahme von Verantwortung war seit jeher ein obiter dictum für den Neu-Romanen. Entsprechend den geistigen Grundlagen der Verbindung und des Charakters der Neu-Romania gilt Gleiches für die res publica. Weit über fünfundzwanzig Neu-Romanen wurden im Verlaufe ihrer zivilen Karrieren zu National-, Stände-, Regierungsräten oder Bundesrichtern gewählt oder bekleideten hohe Offiziersränge in der Schweizer Armee.
Ein besonderes Augenmerk richtet die Verbindung stets auf den so genannten «Block», die Vereinigung von sieben akademischen Kommentverbindungen, welche die strukturaufweichende Reform von 1916 nicht vollzogen haben. Der Block bildet somit gleichsam das spriessende und immergrüne Beet auf dem Acker des Schw. StVs, auf welchem die Neu-Romania zweifelsohne die schönste und fruchtbarste aller Blumen ist.
(Kaspar Michel v/o Miliz)





Literatur: Wiget Josef, Mit Herz und rotem Stürmer – Die akademische Kommentverbindung Neu-Romania zu Freiburg im Üechtland von 1938–2000, Freiburg 2000.