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Historische Aspekte zum Couleurstudententum

Ein grober Überblick
Studentisches Gemeinschaftsleben spielte sich an mittelalterlichen Universitäten in «Nationen» und «Bursen» ab. Die Vorläufer der deutschen Studentenverbindungen sind seit dem 17. Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Corps entwickelten. Im 18. Jahrhundert wurden nach dem Vorbild der Freimaurerei auch studentische Orden gegründet. Die Befreiungskriege gegen Napoleon gaben den Anstoss zur Entstehung der deutschen Burschenschaften. Viele der heute noch gepflegten couleurstudentischen Sitten und Gebräuche haben ihre Ursprünge in all diesen verschiedenen Vereinigungen.



Zu den Details
Nationen und Fakultäten
Frühe Formen studentischer Zusammenschlüsse reichen bis ins Mittelalter zurück. Gerade grosse Zentren wie etwa Bologna oder Paris zogen eine zahlreiche Studentenschaft an, die von geographisch heterogener und zum Teil weit entfernter Herkunft war. Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts entstanden an den ersten Universitäten sogenannte «nationes». In diesen Nationen wurden die Studenten (in Paris auch die Magister) nach landsmannschaftlichen Gesichtspunkten ihrer Herkunft gegliedert. Sie verfolgten den Zweck, der Entwurzelung und Isolation der Studenten entgegenzuwirken und ermöglichten gemeinsame Interessenvertretungen gegenüber der oftmals feindseligen Bevölkerung der Universitätsorte. Die Nationen bestimmten das Universitätsleben weithin. In Paris beispielsweise wurde der Rektor der Universität turnusgemäss aus einer der vier Nationen gewählt.
Mittelalterliche Nationen dürfen nicht mit dem heutigen, modernen Nationenbegriff gleichgesetzt werden; vielmehr handelte es sich um eine recht grobe geographische Orientierung anhand der Himmelsrichtungen. So vereinigte an der Universität Paris etwa die «Englische Nation» Studenten aus England, Schottland, Deutschland, Ungarn sowie aus skandinavischen Ländern; die «Französische Nation» Studenten aus Frankreich wie auch aus allen Mittelmeerländern. Die ältesten «nationes» (ca. 1180/1200) finden sich an der Universität von Bologna. Die «Universitas Citramontanorum» (diesseits der Berge = Italiener) umfasste die Nationen der Toskaner, Lombarden und Römer (wozu auch Süditaliener und Sizilianer gezählt wurden), in der «Universitas Ultramontanorum» fanden sich Studenten aus Ländern, die «jenseits» der Alpen liegen. Im 13. Jahrhundert fand eine weitere Unterteilung dieser «nationes» in «subnationes» statt; die Ultramontanen brachten es 1265 auf dreizehn Unternationen, darunter Frankreich, Spanien, England, Ungarn, Polen und Deutschland. An der Universität Paris wurden allmählich die Nationen von den Fakultäten verdrängt. Fakultäten umfassten jene Schulen, in denen der Unterricht nach gleichen, in Statuten festgelegten Lehrprogrammen erteilt wurde und deren Lehrer die Prüfungsgremien bildeten. Am Ende des Mittelalters verloren die Nationen im Zuge der stärkeren Regionalisierung des Zuzugs der Studenten und des Abbaus der universitären Autonomie stark an Einfluss.

Bursen
Die Unterbringung der Studenten war in einer mittelalterlichen Stadt ein grosses Problem. Das Angebot an Wohnmöglichkeiten war gering, so dass Streitereien oder Mietzinswucher häufig vorkamen. Mitte des 13. Jahrhunderts gründete Domherr Robert von Sorbon in Paris ein Kollegium, das sechsunddreissig Theologiestudenten zur Verfügung stand. Die Bewohner dieses Heims (die ihr Baccalaureat innert sieben Jahren zu bestehen hatten) bildeten zusammen eine Wohn-, Ess- und Lerngemeinschaft. Dieses Modell fand sehr schnelle Verbreitung und in Bursen seine weitere Entwicklung. Eine «burse» bestand aus einem heizbaren Unterrichts- und Essraum, um den herum die Schlafräume der Studenten lagen. Die Leitung der Burse hatte ein Magister inne. Für den Aufenthalt und die Verpflegung in der Burse war wöchentlich ein bestimmter Betrag zu entrichten. Das Wort «bursa» bedeutet ursprünglich einen Geldbeutel und bezeichnet ein Haus, das von einer aus einem gemeinsamen Beutel lebenden Gesellschaft bewohnt wird. Der einzelne Bewohner heisst «burssgesell», «bursant» oder «mitbursch». Die Gesamtheit bezeichnete man als die «bursch». Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich für den einzelnen die Bezeichnung «der Bursch» und daraus die neue Sammelbezeichnung «die Burschenschaft».

  


Eine solche Burse zählte kaum mehr als zwanzig Personen. Das Lärmen, Waffentragen und Mitbringen von Frauen war streng verboten.

Füchse
Neuen Studenten an der Universität wehte im 16./17. Jahrhundert ein rauer Wind entgegen. Den älteren Semestern behagte die Gewalt über die Neuankömmlinge, weshalb sie jene während des ersten Studienjahres nicht als rechte und ebenbürtige Studenten anerkannten und diese auf alle mögliche Art nötigten. Die häufigste Bezeichnung der Erstsemestrigen war «pennal», aber auch die Bezeichnung «fuchs» oder «fux» findet bereits im 17. Jahrhundert seine Verwendung. Unklar ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes; in der Literatur finden sich unterschiedliche Erklärungsversuche. So könnte die Bezeichnung
a) vom lateinischen «faex» − «Bodensatz einer Flüssigkeit» − herrühren. Bereits in klassischer Zeit wurde diese Bezeichnung
    für die unterste Bevölkerungsschicht verwendet.
b) aus dem Niederdeutschen «voss» für «Narr, grober Kerl» abgeleitet sein.
c) aus dem Oberdeutschen «foss», was soviel wie «faul» bedeutet, entstanden sein.
1661 findet sich aber auch schon das lateinische Wort «vulpes» − der Fuchs. An den Toren der Universitätsstädte lungerten um die Zeit, da die Neulinge anzurücken pflegten, ältere Studenten als «Auftreiber» herum, die sich den meist unerfahrenen Ankömmlingen als freundliche Ratgeber aufdrängten und sich erboten, sie nach einem guten Gasthaus oder auf ihre Bude zu führen. Gelang ihnen das, so waren ihre Opfer anderntags Pennäler ihrer Landsmannschaft.

Landsmannschaften
Landsmannschaften formierten sich ab dem 17. Jahrhundert und wurden auch «neue Nationen» genannt. Ihr Zweck sollte die soziale Fürsorge für Landsleute sein; von diesem Ziel scheinen die Vereinigungen jedoch sehr schnell abgekommen zu sein. Gerade in Landsmannschaften fand der oben geschilderte Pennalismus mit der haarsträubenden Drangsalierung der jungen Studenten sehr früh seinen rohen Höhepunkt. Im Kampf gegen diesen «Pennalismus» wurden die «neuen Nationen» an den meisten Universitäten offiziell verboten. An der Spitze einer solchen Vereinigung stand der «senior», dessen Stellvertreter «consenior» hiess. Wenigstens einmal im Quartal fand ein «convent» statt. Streitigkeiten unter den Landsmannschaften wurden vom «seniorenconvent» geregelt.
Beziehungen über die Studienzeit hinaus wurden zwischen den Mitgliedern nicht aufrechterhalten; die Zugehörigkeit endete mit der Exmatrikulation. Studentisches Brauchtum entwickelte sich in diesen Vereinigungen in der Pflege von Studentensprache und -liedern und der Bildung von Trinksitten. Auch finden sich hier erste Ausgestaltungen eines «komments». Landsmannschaften waren meist der Verfolgung seitens der Behörden ausgesetzt; Ende des 18. Jahrhunderts lösten sich die meisten Landsmannschaften auf.

Studentische Orden
Ebenfalls von den Behörden verfolgt wurden die studentischen Orden, die sich neben den Landsmannschaften entwickelten, allerdings erst im 18. Jahrhundert. Vom Gedankengut eng mit der Freimaurerei verwandt, war ein Orden eine überörtliche Dachorganisation mit zwei oder mehreren Logen unter einem gemeinsamen Ordensmeister und einer Hauptloge. Interessant ist nun, dass ab 1770 vier grössere Ordensbünde hervortreten, die als geheime innere Ringe der Landsmannschaften wirkten, über die sie die Herrschaft auszuüben sich anschickten. Das Neue, wodurch die Orden auf die studentische Gesamtentwicklung bestimmend einwirkten, war ihr Lebensprinzip. Die Orden bildeten einen enggeschlossenen Kreis sorgfältig Ausgewählter und Gleichgesinnter. Zeichen der Mitgliedschaft war ein Ordenskreuz, das an einem ein- oder mehrfarbigen Band um den Hals (und aus Geheimhaltungsgründen oftmals unter der Kleidung) getragen wurde. Wegen des offiziellen Verbots entwickelten die Orden Geheimschriften oder eine eigene Zeitrechnung. Der Zirkel als Zeichen der Verbindung beispielsweise hat hier seinen Ursprung.


 

Allerdings glitten auch die Orden zunehmend in Äusserlichkeiten ab. Man fühlte sich als akademische Aristokratie, legte auf entsprechendes Auftreten grössten Wert und pflegte ein überspitztes Ehrgefühl, was sich in ständigen Duellen niederschlug. Das erste Verbot der Orden wurde bereits 1748 ausgesprochen, seither wurden sie an vielen Orten zu unterdrücken versucht. Viele der von ihnen entwickelten Formen und Gebräuche fanden Eingang in das spätere Couleurstudententum.

Komment
Unter dem Einfluss adliger Studenten führte das Verhalten zwischen den Studenten in einer Stadt zu gewissen Konventionen, die man ursprünglich als «purschenraison» bezeichnete. Ab 1770 verbreitet sich hierfür das französische «comment» − «wie». Nach anderer Auffassung leitet sich das Wort aus dem Lateinischen «cum» − «mit» und «mens» − «Geist» her ab und bedeutet im übertragenen Sinn «das, was man im Kopf hat». Handelte es sich anfänglich vorab um eine Anordnung, wie ein Kommers veranstaltet werden sollte oder wie man sich schlug, wurde der Komment erst im Laufe der Zeit zum Verhaltenskodex mit Regeln und Sitten. Der älteste schriftliche Komment wurde 1791 in Jena zwischen Landsmannschaften und Orden vereinbart.

Corps
Waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Landsmannschaften und Orden die Träger studentischer Lebensweise, entwickelten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf deren Grundlage zwei neue Formen: die Corps und die Burschenschaften.
Die ersten Corps wurden um 1800 gegründet und waren wesentlich vom klassischen Idealismus geprägt; von den Mitgliedern wurde Bildung und Vervollkommnung in wissenschaftlicher und moralischer Beziehung verlangt. Von den Orden übernahmen sie die Idee des auf Lebenszeit geschlossenen Freundesbundes, von den Landsmannschaften die gemeinsame landsmannschaftliche Herkunft. Der Name Corps kam erst um 1810 auf, bis dahin hiessen diese Verbindungen häufig noch Landsmannschaften. Da die Behörden hierauf jedoch unmütig reagierten, führte man einen unauffälligen Namen ein. Ähnlich wie die alten Landsmannschaften hatten die Corps keine politischen Zielsetzungen und waren in religiöser Hinsicht liberal. Innerhalb der Corps traten bald zwei Richtungen auf: die Lebenscorps und die Waffencorps. Erstere übernahmen den Grundsatz, dass ein Mitglied nur einer Verbindung, und dieser für das ganze Leben, angehören könne. Die Waffencorps hielten sich an den landsmannschaftlichen Grundsatz, der jedem Mitglied bei einem Universitätswechsel den Eintritt in ein neues Corps gestattete

Zwei neue Bräuche führten die Corps ein, nämlich das Tragen von Band und Mütze. Das mehrfarbige Band war ursprünglich in den landsmannschaftlichen Farben gehalten und wurde sehr bald zum wichtigsten Symbol.


Burschenschaft
Mit der Ausdehnung der Herrschaft Napoleons über weite Teile Europas waren es in Deutschland vorab Philosophen, Dichter, Gelehrte, Publizisten und Studenten, die zum Widerstand und zur Befreiung vom Joch der Fremdherrschaft aufriefen. 1808 kam es zur Gründung eines «Tugendbundes». Nach dessen − auf Geheiss Napoleons − erfolgtem Verbot sollte ab 1810 der «Deutsche Bund» den Willen zum Widerstand aufrechterhalten. Diese antinapoleonische Nationalbewegung deutscher Studenten arbeitete einen Statutenentwurf für eine Burschenschaft aus, die sich von den Orden distanzierte, weil diesen patriotische Zwecke sekundär waren, und von den Landsmannschaften, weil sie die Zersplitterung Deutschlands in verschiedene «Völkchen» darstellten. Ihre Burschenschaft hingegen sollte für ein Nationalbürgertum einstehen. Die Freiheitskriege gegen Napoleon verstanden die Protagonisten als Zusammenhang von innerer Reform, innenpolitischem Freiheitsprogramm und Sieg über die Fremdherrschaft. 1815 fand der Gründungsakt der (Ur-)Burschenschaft in Jena statt. Viele dieser Studenten hatten in den Befreiungskriegen in den Reihen des «Lützower Freikorps» gegen Napoleon gekämpft, dessen Farben (schwarz–rot–gold) sie übernahmen. Von Jena ausgehend, breitete sich die Burschenschaft an den meisten süd- und mitteldeutschen Universitäten aus. Über einen allgemeinen nationalen Idealismus hinaus verfolgten die Burschen anfänglich noch wenig konkrete politische Ziele, nur dass sie den «deutschen Studentenstaat» der Burschenschaften als eine Art Vorform des Nationalstaats verstanden. Die erste gemeinsame Kundgebung der Burschenschaften, das Wartburgfest von 1817, stand im Zeichen der Erinnerung an den Beginn der Reformation sowie die Völkerschlacht bei Leipzig als «doppeltes Fest der Wiedergeburt des freien Gedankens und der Befreiung des Vaterlandes».

Das Couleurstudententum hält in der Schweiz Einzug
In der Schweiz entstanden die ersten Schüler- und Studentenvereinigungen in der Restaurationsepoche von 1815 bis 1830. Gewohnheiten nach studentischem Komment deutscher Universitäten waren an den Schulen durch auswärts studierende frühere Mitschüler und durch Bücher und Schriften bekannt geworden. Nach dem Vorbild des Wartburg-Festes der deutschen Burschenschaften von 1817 kontaktierten Studenten des Zürcher Carolinums gleichgesinnte Studierende in den Akademien der reformierten Städte Zürich und Bern und beschlossen, im Sommer 1819 in Zofingen (also in der geographischen Mitte der Strecke Zürich−Bern) ein Studententreffen zu veranstalten. Daraus entstand der Zofingerverein, der sich über die politischen und konfessionellen Grenzen hinweg einem schweizerischen Patriotismus verpflichtet fühlte und sich das Ziel setzte, die gesamte studierende Jugend der Schweiz unter seinen Bannern zu vereinigen – in der Schweiz existierte damals einzig die Universität von Basel. Dem Zofingerverein schlossen sich auch die Studierenden an den Akademien an, grösstenteils Theologen und Juristen. In der Folge bildeten sich auch an Gymnasien Zofingersektionen. Wegen parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten spaltete sich 1832 die radikal-freisinnige Helvetia ab; 1847 der freisinnig ausgerichtete Neu-Zofinger-Verein.
1841 wurde der Schweizerische Studentenverein (StV) gegründet, der ursprünglich alle konservativen Studenten (reformierte und katholische) vereinigen sollte. Die religiösen Auseinandersetzungen um die Klosteraufhebung und die Jesuitenfrage führten jedoch in den 1840er-Jahren dazu, dass diesem interkonfessionellen Ansatz die tragfähige Grundlage entzogen wurde. Vor diesem Hintergrund wurde der StV zu einem Sammelbecken katholisch-konservativer Studenten und Altherren. Der StV, der als nichtfarbentragender, politischer Verein gegründet worden war, schaffte 1851 das rot-weiss-grüne Band und 1860 die rote Mütze an. 1877 erklärte er das Farbentragen während des Zentralfestes für obligatorisch. Ab den 1870er-Jahren begannen erste Sektionen des StVs, einen Komment einzuführen. Das Couleurstudententum im engeren Sinn setzte sich im StV erst ab den 1880er-Jahren durch.
(Valentin Kessler v/o Aubrig)





Verwendete Literatur:

Peter Krause, «O alte Burschenherrlichkeit» - Die Studenten und ihr Brauchtum, 4., verbesserte Auflage, Graz/Wien/Köln 1983.

Urs Altermatt, [et al.], «Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen…». Schweizerischer Studentenverein 1841-1991, Luzern 1993.

Theo Gantner, [et al.], Couleurstudenten in der Schweiz – Schweizerisches Museum für Volkskunde Basel, Ausstellung 1979/80, Basel 1979.

Vaterland Freundschaft Fortschritt – Festschrift zum 150-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Studentenverbindung Helvetia 1832−1992, Bern 1982.

Joseph Jung, Alfred Escher 1819-1882. Aufstieg, Macht, Tragik, Zürich 2007.