Am 4. Oktober 1889 beschloss der Grosse Rat des Kantons Freiburg, die „provisorische Eröffnung der einen oder anderen Universitätsfakultät“ in die Wege zu leiten. Am Abend dieses Tages feierten 15 Vereine, darunter Musikgesellschaften und Studentenvereine, das historische Ereignis mit einem farbenprächtigen Umzug. Vorausgegangen war eine lange und zeitweise turbulente Vorgeschichte.
Am Anfang stand ein Rückstand. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts strebten die katholischen Stände in der Schweiz danach, höhere katholische Bildungsanstalten zu schaffen, um sich im Bildungssektor gegenüber den reformierten Städtezentren zu behaupten. In Freiburg entstand in diesem Zusammenhang 1763 eine Akademie für Rechtswissenschaft.
Die Kluft zwischen katholischer und reformierter Schweiz war auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder der Nährboden für bildungspolitische Anstrengungen. Die reformierten Akademien von Zürich und Bern wandelten sich schon in den 1830er Jahren in säkularisierte Universitäten um. Der ersten katholischen Universität der Schweiz hingegen standen noch einige Stolpersteine in Form von leidenschaftlich ausgetragenen Konflikten im Weg.

Fehlendes Geld und zögernde Bischöfe
Als favorisierte Kandidaten für eine katholische Universität standen von Anfang an Luzern und Fribourg in der Gunst der Bischofskonferenz, die sich 1876 in Schwyz mit dieser Frage befasste. Beide Standorte schienen auf den ersten Blick gute Chancen zu haben, zumal man die Mentalitätsunterschiede zwischen deutscher und französischer Schweiz berücksichtigen wollte. Doch die Bischöfe hielten sich mit klaren Bekenntnissen zurück, obwohl auch Papst Leo XIII. die Idee einer Hochschule für die katholische Schweiz ausdrücklich positiv aufgenommen hatte. Neben einem ausgeprägten Realismus bezüglich rechtlicher Probleme und ungenügender Finanzen hatte das Zögern der Bischöfe vor allem politische Gründe.
Während sich Luzern stillschweigend aus dem Rennen um eine Universität verabschiedete, betrat dann aber in Freiburg Anfang der 1880er Jahre ein Akteur die gesellschaftliche Bühne, der wieder frischen Wind in das auf Eis gelegte Universitätsprojekt brachte: Bischof Gaspard Mermillod. Er sollte sich als erfolgloser, aber dennoch effektiver Vorkämpfer erweisen.
Der undiplomatische Vordenker
Mermillod hoffte, sich des politischen Widerstandes zu entledigen, indem er sein Projekt auf die Gründung einer Theologischen Fakultät einengte. Mit seinen Vorstössen schaffte er es, die Universitätsfrage zu einem öffentlichen Thema zu machen, dessen Diskussion immer weitere Kreise zog. Es zeigte sich aber, dass er mit seinem forschen Vorgehen verschiedene Schlüsselfiguren gegen sich aufbrachte, ohne deren Unterstützung sein Projekt scheitern musste. Während seine Deutschschweizer Bischofskollegen immer mehr auf Abstand zum Visionär Mermillod gingen, erwuchs ihm aus den Reihen der Freiburger Regierung ein ernsthafter Kontrahent um die Führung des Universitätsprojekts: Fernand Python.
Der Coup des Pragmatikers
Fernand Python, 1886 als 30-Jähriger in den Staatsrat gewählt, brachte jenes Charisma und Durchsetzungsvermögen mit, das der ins Stocken geratenen Universitätsgründung den entscheidenden Anstoss gab. Neben seinem Gespür für den richtigen Zeitpunkt und diplomatischem Geschick profitierte er allerdings auch von günstigen Rahmenbedingungen: Die Wirtschaft des Kantons Freiburg erlebte mit den ersten Ansätzen einer Industrialisierung gerade einen Aufschwung, und so versprach man sich von der Gründung einer Universität zusätzliche Attraktivität für den Wirtschaftsstandort Freiburg.
Python erkannte, dass in der bisherigen Universitätsdebatte zu keinem Zeitpunkt eine gesicherte finanzielle Grundlage als Argument in die Waagschale hatte geworfen werden können. An diesem Punkt setzte er an. Er überzeugte 1887 den Freiburger Staatsrat davon, das Projekt durch die Konversion einer Staatsanleihe auf eine finanziell selbständige Basis zu stellen. Mit dieser finanztechnisch brillanten Aktion wagte sich der junge Staatsrat weit aus dem Fenster, überging er doch kurzerhand Bischof Gaspard Mermillod und die ältere Garde der katholisch-konservativen Freiburger Politiker.

Letzte Hindernisse
Möglicherweise wäre Pythons Vorgehen mehr Widerstand erwachsen, hätte sich sein grosser Kontrahent Mermillod zu diesem Zeitpunkt nicht schon mit praktisch allen relevanten Parteien zerstritten gehabt. Python sicherte sich über den Kopf des Ortsbischofs hinweg in langwierigen Verhandlungen die Unterstützung des Papstes und der Deutschschweizer Bischöfe. Dies gelang ihm, obwohl aufgrund der Angst vor kulturkämpferischen Reaktionen der Protestanten ein letztes Tabu fallen musste: Die neue Universität sollte auf die Bezeichnung „katholisch“ in der offiziellen Bezeichnung verzichten. Der kluge Taktiker Python entwickelte das Modell einer Staatsuniversität mit katholischer Ausrichtung. Damit war der Weg für die Gründung der Universität Freiburg endgültig frei.
Beschaulicher Beginn
Zu Beginn des Vorlesungsbetriebs am 4. November 1889 wies im Stadtbild wenig auf die junge Universität hin: keine Neubauten, wenig Studenten. Dass dieser eigentliche Kaltstart gelang, hing nicht zuletzt mit der Qualität der Professoren zusammen, die Pythons StV-Kollege Caspar Descurtin in Rekordzeit zusammengetrommelt hatte. Bald wurde auch gebaut; vor allem die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, die Mitte der 1890er Jahre entstand, brachte sichtbare Veränderungen im Stadtbild. Wenig deutete also in den ersten Jahren darauf hin, dass in der beschaulichen Stadt Freiburg eine Universität im Aufbau begriffen war, die heute über 10'000 Studierende und 200 Professorinnen und Professoren aus über 100 Ländern beheimatet. Immerhin: Schon um 1900 herum musste sich die Universitätsleitung mit Beschwerden der Bevölkerung befassen, die sich über nächtliche Ruhestörungen der Studentenverbindungen und ihrer Mitglieder beklagte.
Jonas Spirig
Quelle: Urs Altermatt: Die Gründung. In: Geschichte der Universität Freiburg Schweiz 1889–1989. Fribourg 1992.